Auf einem Grundschulplatz ausserhalb von Masasi in der Suedzone faustet eine Torhueterin eine Flanke weg und fordert sofort den Ball zurueck. Ihre Mitspielerinnen formieren sich neu. Ein Trainer am Spielfeldrand hebt die Hand: noch fuenf Minuten, bevor die Einheit vom Fussball zu einem moderierten Gespraech ueber Einverstaendnis und persoenliche Sicherheit wechselt. Die Maedchen kennen den Ablauf. Sie machen das jede Woche seit Beginn des Schuljahres.

Das ist eine Einheit, an einer Schule, in einer Region. Multipliziert man das ueber 113 Grundschulen in 24 Regionen Tanzanias, beginnt man zu sehen, wie Mpira Fursa in der Breite tatsaechlich aussieht: 226 Fussballmannschaften, davon 172 Maedchenmannschaften, die jaehrlich mehr als 10.000 Kinder erreichen.
Von 54 FDCs nach aussen aufgebaut
Mpira Fursa, was uebersetzt "Sportchance" bedeutet, wird seit 2016 von Karibu Tanzania Organization durchgefuehrt. Das Programm operiert von 54 Folk Development Colleges aus und erstreckt sich auf umliegende Grundschulen und Gemeinden. Finanziert wird es durch eine Partnerschaft zwischen der UEFA Foundation for Children, UNFPA und der Tanzania Football Federation.
Die Struktur ist bewusst gewaehlt. Jedes FDC dient als Knotenpunkt. Trainerinnen und Trainer werden am College ausgebildet und anschliessend an nahegelegene Grundschulen entsandt, wo sie zwoeimal woechentlich Einheiten durchfuehren, die Fussball mit Lebenskompetenzen verbinden. Die Themen sind nicht abstrakt: sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRHR), Menstruationsgesundheit, Praevention geschlechtsspezifischer Gewalt, Ernaehrung und Zielsetzung.
"Auf dem Fussballplatz beginnen Maedchen zum ersten Mal, sich als Menschen zu sehen, die fuehren, sich messen und Entscheidungen treffen koennen. Die Lebenskompetenz-Einheiten geben ihnen die Sprache und das Wissen, um diese Moeglichkeiten zu schuetzen."
Die Suedzone: Ein genauerer Blick
Die Suedzone veranschaulicht, wie sich das Modell von den FDC-Knotenpunkten auf die Grundschulen auffaechert. Neun FDCs bilden das Rueckgrat der Zone: Mbinga, Muhukuru, Nandembo, Mputa, Newala, Masasi, Mtawanya, Kilwa Masoko und Chilala. Jedes ist mit Partnerschulen in seinem Einzugsgebiet verbunden und bildet so ein Aktivitaetsnetz, das einige der laendlichsten und unterversorgten Bezirke Tanzanias abdeckt.

Die Trainerinnen und Trainer in der Suedzone folgen demselben Plan wie ueberall. Die Einheiten beginnen mit einem Aufwaermprogramm, gehen in strukturierte Fussballuebungen ueber und schliessen mit einem moderierten Lebenskompetenz-Modul. Doch die Suedzone zeigt auch, wie sich die Einstellungen in der Gemeinschaft veraendern, wenn das Programm lange genug bleibt. Eltern, die ihren Toechtern anfangs das Spielen verboten, besuchen jetzt die Spiele. Maennliche Lehrer melden sich freiwillig als Assistenztrainer. Lokale Fuehrungspersoenlichkeiten unterstuetzen oeffentlich die Teilnahme von Maedchen am Sport.

339 Fussballe und eine Produktionslinie
Ausruestung ist entscheidend, wenn man in laendlichen Schulen arbeitet, die noch nie einen richtigen Fussball besessen haben. Mpira Fursa hat 339 Fussballe ueber sein Netzwerk verteilt. Doch das Programm ging weiter: KTO kooperierte mit dem DIT Mwanza (Dar es Salaam Institute of Technology, Campus Mwanza), um lokale Fussballproduktionskapazitaeten aufzubauen. Sechzehn Schneidereiausbilder an FDCs wurden in der Herstellung von Fussbaellen geschult -- aus einem Versorgungsproblem wurde eine Ausbildungsmoeglichkeit.

Das ist typisch fuer die Arbeitsweise von Mpira Fursa. Jede Luecke wird zur Gestaltungsfrage. Keine Fussballe? Menschen ausbilden, sie herzustellen. Keine Trainer? Aus der FDC-Studierendenschaft und den Alumni rekrutieren. Keine Unterstuetzung der Eltern? Den Gemeinschaftsdialog in den Programmkalender integrieren.
Mehr als Sport: Die Integration von Lebenskompetenzen
Der Fussball ist der Einstieg. Der Lehrplan fuer Lebenskompetenzen ist der Kern. Jede Einheit beinhaltet strukturierte Zeit fuer moderierte Gespraeche, und die Themen steigern sich mit Alter und Kontext.
Fuer Grundschulkinder behandeln die Einheiten Hygiene, Ernaehrung, Teamarbeit und grundlegendes Rechtsbewusstsein. Fuer aeltere Teilnehmende auf FDC-Ebene umfasst der Lehrplan SRHR, geschlechtsspezifische Gewalt, finanzielle Bildung und Planung der Selbststaendigkeit. Die ueber 900 weiblichen Spielerinnen an FDCs erhalten das vollstaendig integrierte Programm, das Sport mit der Berufsausbildung verbindet, die sie bereits absolvieren.
"Wir trennen den Fussball nicht vom Lernen. Ein Maedchen, das gerade sein erstes Tor geschossen hat, ist bereit zu hoeren, dass es das Recht hat, Nein zu sagen. Das Selbstvertrauen uebertraegt sich."
Die Schiedsrichterin aus Malya
Eine Geschichte, die den Anspruch des Programms erfasst: Tulizo Mwatwebe, eine EHM-Teilnehmerin, absolvierte einen professionellen Schiedsrichterkurs am Malya Sports College. Sie kam als Spielerin zu Mpira Fursa, durchlief den Lebenskompetenz-Lehrplan und beschloss, dass sie pfeifen wollte. Das Programm oeffnete ihr den Weg. Sie ist jetzt zertifiziert.

Das ist es, was "Chance" im Programmnamen bedeutet. Der Fussball ist nicht das Ziel. Er ist der Mechanismus, der Tueren oeffnet -- zum Trainieren, Pfeifen, zur Sportverwaltung und zum Selbstvertrauen, all das zu verfolgen.
Psychische Gesundheit: Die neueste Ebene
Seit 2023 hat Mpira Fursa eine Komponente zur psychischen Gesundheit fuer Sekundarschueler hinzugefuegt. Die bisherigen Zahlen: ueber 1.200 Sekundarschueler erreicht, mit 24 ausgebildeten Lehrkraeften als Moderatoren fuer psychische Gesundheit, die den Lehrplan vermitteln.

Diese Erweiterung spiegelt die wachsende Evidenz wider, dass sportbasierte Programme wirksame Zugaenge fuer die Unterstuetzung psychischer Gesundheit sind, insbesondere in Kontexten, in denen eigenstaendige Angebote zur psychischen Gesundheit knapp oder stigmatisiert sind. Die Lehrkraeft-Moderatoren sind fest an den Schulen verankert, keine externen Gastexperten. Sie bleiben.
172 Maedchenmannschaften -- und es werden mehr
Das Verhaeltnis spricht fuer sich: 172 von 226 Mannschaften sind Maedchenmannschaften. Das ist kein Zufall. Es ist eine bewusste Designentscheidung. Mpira Fursa wurde so konzipiert, dass der Zugang von Maedchen zum Sport Prioritaet hat, weil Maedchen diejenigen sind, die am ehesten davon ausgeschlossen werden. Jedes Trainingshandbuch, jede Gemeinschaftsdialog-Sitzung, jede Ausruestungsverteilung spiegelt diese Prioritaet wider.

Ueber 113 Grundschulen, in 24 Regionen, mit 10.000 Kindern, die jedes Jahr spielen, hat das Programm eine Groessenordnung erreicht, in der es kein Pilotprojekt oder Experiment mehr ist. Es ist Infrastruktur. Und jede Woche, auf Plaetzen von Masasi bis Singida, steht die naechste Einheit bevor.

